Die WM in den USA, Kanada und Mexiko rückt näher und wirft ihre (zum Teil sehr düsteren) Schatten voraus. Denn seit der Wiederwahl von Donald Trump machen die USA auch anderweitig Schlagzeilen.

Knapp zwei Monate vor dem ersten Anpfiff in Mexico-City hatte Carsten die Gelegenheit, sich mit Aaron, dem Gründer des Fanclubs „Sankt Pauli San Francisco“ über die WM, die Fankultur in den USA und, vor allem, über die aktuelle politische Lage in den USA auszutauschen. Natürlich werden die WM und die Geschehnisse in ihrem Umfeld auch ein Thema im nächsten Übersteiger (ÜS #147) sein, aber da uns die Geschehnisse jeden Tag ein-, ja fast überholen, wollen wir im Blog – trotz allem Einsatzes für den Klassenerhalt – bereits jetzt von seiner Sicht auf die WM und die politische Lage in den USA berichten.
Carsten (ÜS): In Deutschland werden der Krieg im Iran und, natürlich, der Einsatz von ICE in den eher demokratisch geprägten Städten der USA sehr kritisch gesehen. In der Zwischenzeit brachte der Präsident des FCSP sogar die Möglichkeit eines WM-Boykotts ins Spiel. Was bedeutet die WM für dich und wie stehst du generell zu diesem Ereignis? Die WM ist von der Trump-Regierung ja auch politisch instrumentalisiert worden, wenn man sich zum Beispiel an den an ihn verliehenen FIFA-„Friedenspreis“ erinnert. (Hier der ÜS-Text zur WM-Auslosung)

in a rich men world
Foto: Tina B.
Aaron (AM): Die FIFA-Weltmeisterschaft 2026 ist, und ich sage das nicht übertrieben, eine komplette Shitshow. Mit Iran nimmt zudem eine weitere Mannschaft an dem Turnier teil, die von der US-Regierung in einen Krieg reingezogen wurde. Wohlgemerkt, von einem Präsidenten, der den FIFA-„Friedenspreis“ verliehen bekommen hat.
„Friedenspreis“? ICE nimmt US-Staatsbürger*Innen fest, deportiert und ermordet sie, sperrt Asylsuchende ein und verlangt von Fans aus bestimmten Ländern für die Einreise in die USA möglicherweise die Hinterlegung einer Kaution in Höhe von 15.000 Dollar.
Donald Trump hat Demokraten und die Linke offen als „den größten Feind Amerikas“ bezeichnet. Unter seiner Regierung haben Faschismus und rechtsextreme Ideologien in den USA an Dynamik weiter hinzugewonnen. Es ist eine Schande, dass unser geliebter Fußball, der von Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt gespielt und ähnlich geliebt wird, erneut von Autoritären und der FIFA für „Sportswashing“ instrumentalisiert wird.
Sie sollte eigentlich eine Gelegenheit dafür sein, um Brücken zu bauen und Gemeinschaften auf der ganzen Welt zu feiern – stattdessen wird daraus eine weitere Plattform für Oligarchen, Faschisten und Nationalisten. Und diese stellen sich dann neben unsere Lieblingsspieler und suchen ihre Nähe, um ihr eigenes abscheuliches Verhalten zu legimitieren.

ÜS: Sechs WM-Spiele finden in San Francisco statt (fünf Gruppenspiele und ein Achtelfinalspiel). Mit u. a. Katar, Jordanien und Algerien habt ihr da, zumindest sportlich, nicht unbedingt die klangvollsten Namen im Turnier bekommen.

Andererseits könntet ihr zumindest die zwei St. Pauli-Profis sehen, die für Australien spielen. Wie verfolgt ihr die Weltmeisterschaft und welche Auswirkungen hat das auf die lokale Bevölkerung? Stichwort: höhere Kosten und Inflation. Das Leben in San Francisco ist ja nicht gerade billig.
AM: Trotz all dem, was diese Regierung zurzeit an Schlechtem tut und der Auswirkungen der WM auf unseren Geldbeutel ist die Freude, einigen deiner Lieblingsspieler – insbesondere der vom FC St. Pauli – nahe zu sein, schon groß. Und das ist ja das Fatale: Die Politiker unseres Landes wissen über die Strahlkraft der WM und dass sie weltweit verfolgt wird.

Foto: Tina B.
ÜS: 1994 fand bereits eine Weltmeisterschaft in den USA statt. Ich kann mich noch zumindest daran erinnern, wie Bulgarien damals Deutschland aus dem Turnier warf (und natürlich das legendäre WM-Lied mit den Village People). Schon damals war die Atmosphäre anders als in europäischen Ländern. Wie würdest du aus heutiger Sicht die Fankultur in den USA im Vergleich zu der in Europa einschätzen?
AM: Wir sehen den Support auf den Videoplattformen und im Stream. Wie es live ist, kann ich allerdings nur von den Besuchen beim FC St. Pauli erzählen. In den USA ist die Fanstruktur sehr gemischt und unterscheidet sich in ihrer Zusammensetzung nicht wesentlich von der der europäischen Fans. Auf der einen Seite haben wir unglaublich leidenschaftliche Fans, die sich bei USP sofort zu Hause fühlen würden; Sie organisieren sich und leben ähnlichen Support wie wir ihn in Europa kennen.
Es gibt aber auch viele Fans, die zwar ebenso leidenschaftlich sind, aber nicht (wirklich) zur Fanszene gehören. Und dann gibt es noch die „Corporate-Fans“: Besucher*Innen, die zum Beispiel im Rahmen einer Betriebsfeier oder zum Networking zu den Spielen kommen. Ich finde aber, dass das so in europäischen Stadien ähnlich ist.

Der größte Unterschied liegt für mich in der Geschichte der jeweiligen Vereine. Die MLS zum Beispiel ist erst 30 Jahre alt, die USL (United Soccer League) dagegen erst 16. Das ist weniger als eine Generation von Fans. Wir haben daher weder den Verein, den schon unsere Väter unterstützt haben, noch die unterschiedlichen Rivalitäten, die sich im Laufe der Zeit entwickelten. Aufgrund dieses Mangels an Geschichte kopieren Fans in den USA oft die Traditionen anderer Teams oder Ligen (Gesänge, Banner usw.), was das Ganze weniger authentisch wirken lässt. Zwar haben die Teams sicherlich ihren eigenen Charakter, doch da die MLS ein geschlossenes System ist, wird das Fanerlebnis oft für die Fans „entworfen“ anstatt es von ihnen selbst gestaltet wird.

ÜS: Die WM-Stadien liegen nicht innerhalb der Städte. Das Stadion der SF 49ers (wo die WM-Spiele ausgetragen werden) liegt etwa 60 km außerhalb der Stadt. Werdet ihr den WM-Zirkus überhaupt mitbekommen?

Foto: Tina B.
AM: Gute Frage… Santa Clara [Heimat des 49ers-Stadions, mit dem Auto eine Stunde von San Francisco entfernt] war im letzten Jahr Gastgeber des Super Bowls sowie des NBA All-Star Games. Ich persönlich habe von beidem überhaupt nichts mitbekommen (was aber auch daran liegt, dass ich kein NFL- oder NBA-Fan bin). Und weil der Austragungsort so weit von der eigentlichen Stadt entfernt ist, übernachteten viele Leute dort in Hotels statt in San Francisco selbst. Ich denke, das wird bei der Weltmeisterschaft anders sein: Einerseits wegen des politischen Zirkusses und andererseits wegen der 39 Tage, die die WM dauert: Ich bin mir sicher, dass unser Präsident auch diese Gelegenheit für weitere Propaganda nutzen wird: 39 Tage WM sind schließlich auch 39 Tage DJT am Handy.
ÜS: Es ist bekannt, dass Essen, Trinken und Wohnen in den USA ziemlich ins Geld geht. Auch die Inflation trifft die USA seit Jahren hart – und jetzt kommt auch noch eine Fußball-WM ins Land. Rechnet ihr als Bevölkerung mit zusätzlichen Kosten für euch? Generell werden wahrscheinlich ohnehin nur diejenigen profitieren, die bereits genug Geld haben. Hier in Hamburg stehen wir beispielsweise (wieder einmal) vor der Entscheidung, ob wir eine Olympia-Bewerbung befürworten sollen. Die Fangemeinde, die Nachbarschaft und der Verein nehmen hierzu alle eine sehr klare Position ein: „Nein!“ zu den Machenschaften des IOC und zu den Olympischen Spielen in unserer Stadt. Wie siehst du die bevorstehende WM in Bezug auf Sorgen, Ängste oder Freude?
AM: Nun, in San Francisco finden ja das ganze Jahr über zig internationale Veranstaltungen statt, darunter die APEC (Asia-Pacific Economic Cooperation) 2024, sowie Konferenzen zu u. a. Bankwesen und Cybersicherheit.
Bei diesen Veranstaltungen erleben wir oft, dass die Obdachlosen aus den Bereichen in der Nähe dieser Veranstaltungsstätten in weiter entfernte Stadtteile vertrieben werden, sodass die auswärtigen Gästen ein „saubereres (Stadt-)Bild“ sehen. Im Hinblick auf die WM ist das ein großes Problem, das wir aktiv mit unseren städtischen Vertreter*Innen diskutieren. Wir lehnen solche Umsiedlungen ab, wenn keine konkreten Wohnraumlösungen angeboten werden.
ÜS: Hier in Deutschland haben wir mit Bestürzung beobachtet, wie ICE in vielen demokratisch geführten und gesinnten Städten der USA eingesetzt wurde. Wie war es für euch in SF, das zumindest für uns immer noch als kosmopolitische Stadt gilt? Habt ihr euch gewehrt, oder war bzw. ist die Angst vor Repression und Gewalt zu groß?
AM: Im Vergleich zu Minneapolis gab es in San Francisco keine weitreichenden ICE-Aktivitäten, sodass wir davon weitgehend verschont blieben. Ob dies aufgrund des Drucks unserer lokalen Politiker*Innen oder – was wahrscheinlicher ist – der Tech-Milliardäre geschah… schwer zu sagen. Aber auch bei uns gab es ICE-Aktionen: Wir haben gesehen, dass Migrant*Innen und Asylsuchende bei ihren Gerichtsverhandlungen festgenommen wurden, zudem gab es kleine(re), gezielte Razzien in Randgebieten. Trotzdem haben wir keine Angst vor Repressalien. Wir können es nicht zulassen, dass diese maskierten und keine Abzeichen tragenden ICE-Schläger ihr Unwesen in unserer Gemeinde treiben. Es gab zahlreiche Proteste und Demonstrationszüge durch die Stadt, bei denen die Tore einer ICE-Einrichtung und des Gerichtsgebäudes, in dem diese Einwanderungsanhörungen stattfinden, blockiert wurden. Wir haben in San Francisco auch – wie wir sie nennen – Wachsamkeitsteams, die Aktivitäten beobachten bzw. verfolgen und die Öffentlichkeit dann über bestimmte Kanäle informieren.
ÜS: Elon Musk hat sich offen in den Wahlkampf zur letzten Bundestagswahl eingemischt und die rechtsextremen Parteien in Deutschland unterstützt. Nun haben wir eine relativ große Gruppe von Wähler*Innen in Deutschland, die (vor allem durch Social-Media-Aktivitäten ermutigt) ihre Stimme einer rechten Partei gegeben haben. Wie hat sich die Wählerschaft in den USA entwickelt?
AM: Meine Generation (ich bin 37) wurde stark von den Kriegen in Afghanistan, im Irak sowie der Wirtschaftskrise von 2008 geprägt. Ich habe 2007 an meinem College-Campus aktiv für Barack Obama geworben. Viele meiner Freunde in dieser Altersgruppe übernahmen damals ebenfalls (eher) linke Auffassungen. Das scheint sich, getrieben von Social Media und der enormen Zunahme an Desinformation von rechter Seite, jedoch dramatisch verschoben zu haben. Viele junge Menschen fühlen sich heute (verstärkt) zu rechten Ideologien hingezogen. Einer der Gründe hierfür sind die Algorithmen, ein anderer, dass Gemeinschaften (und das Zusammenleben in diesen) weitgehend von Social Media ersetzt wurden. Früher tauschten wir unsere Meinung mit Freunden, in der Familie oder mit Nachbarn aus und, wenn es sein musste, verteidigten diese in Gesprächen oder Diskussionen. Heute können wir problemlos radikale Gedanken in die Leere des Internets schreien und erreichen damit zumeist diejenigen, die mit uns übereinstimmen. Ich denke, das ist auch ein Problem für die Linke, weil man hier schneller selbstzufrieden ist. Lass mich das so ausdrücken: In den USA geben wir schon damit zufrieden, wenn wir zu bestimmten Themen einen (Social-Media)-Beitrag verfasst haben, anstatt dass wir selbst aktiv werden (und für oder dagegen auf die Straße gehen). Und das kommt der extremen Rechten entgegen, weil wir unsere Ideale nicht durch wirkliche Taten, sondern lediglich anhand eines Beitrags in den Social Media vertreten.
ÜS: Silicon Valley gilt bei uns inzwischen als Cheerleader für Donald Trump. Viele haben den Eindruck, dass sich die Menschen dort, aus Überzeugung oder wirtschaftlichen Gründen, auf seine Seite geschlagen haben. Was ich mich hierbei wirklich frage, ist: Gerade die Tech-Branche wird immer mächtiger und reicher, den Menschen hingegen, die ohnehin schon nichts hatten und haben, wird für vieles die Schuld in die Schuhe geschoben. Wie nehmt ihr solche Entwicklungen wahr? Wäre ein Boykott dieser Unternehmen und dieser Leute vielleicht eine Option?
AM: Die Tech-Milliardäre aus dem Silicon Valley sind zu den neuen Eisenbahnmagnaten des 19. Jahrhunderts geworden. Statt Monokel und Zylinder tragen sie jetzt allerdings Rollkragenpullover und Turnschuhe. Das Ganze ist vor allem deswegen besorgniserregend, weil diese Personen nicht nur über das Kapital verfügen, um ihre Agenda durchzusetzen, sondern oft auch die Plattformen besitzen, über die die breite Öffentlichkeit kommuniziert (Facebook, Twitter/X, Instagram usw.). Die Schuld den Armen und Einwanderern zu geben, ist aber nicht neu: Vor nicht allzu langer Zeit in der US-Geschichte gaben die Reichen den Iren, Italienern, Deutschen, Chinesen und vielen anderen die Schuld für die Aushöhlung der „amerikanischen Werte“ – heute feiern wir den St. Patrick’s Day, das chinesische Neujahr und das Oktoberfest. Jetzt liegt der Fokus auf einer neuen Einwanderungswelle. Das Einzige, was diese Milliardäre interessiert, ist ihr Einfluss und ihr Geld: und das ist der einzige Hebel, den die Öffentlichkeit wirklich hat. Boykott und die Unterstützung von Alternativen sind der Schlüssel zur Nutzung dieses Hebels. Deswegen sollten sie auch bei jeder Gelegenheit eingesetzt werden.

Das Interview mit Aaron führte Carsten (dies übrigens mithilfe von DeepL. Ari und MacKozie haben sich die daraus entstandene deutsche Fassung daher angeschaut und bei Bedarf lektoriert).
Das Thema WM und warum eine Teilnahme (sowohl als Fan als auch als Team) problematisch ist, haben wir übrigens auch in unserer letzten Printausgabe #146 behandelt!
