Dor sün wi all schon wedder!

Nah twee Jahr Hööchdluft, geiht dat nu wedder rünner.

Wi, klassisch Letzter vun de Tabell, hebbt noch den eersten FC Heidenheim mitnahmen un Wolfsborg hett dat in de Relegatschoon verspeelt. Apropos Wolfsburg. Dor heff ik en fienen Text ut dat noch fienere Book „St.Pauli is de eenzige Mööglichkeit“, de nipp un nau an dissen Steed passt, as de berühmte (Antifa-) Faust op’t (Nazi-) Oog.
Un wiel de Sommer jüst keen Poos maakt – man bloot de Footballer – gifft dat nu wat to’n Lesen. Keen Angst – de Text is nich op platt.

Nochmal für die Quddjes:
Nach zwei Jahren Höhenluft, geht es nun wieder runter
Wir, klassisch Letzter der Tabelle, nahmen noch den 1. FC Heidenheim mit und Wolfsburg verspielte es in der Relegation.
Apropos Wolfsburg: Da habe ich einen feinen Text aus dem noch feineren Buch „St. Pauli ist die einzige Möglichkeit“, der genau an diese Stelle passt wie die berühmte (Antifa-) Faust auf’s (Nazi-) Auge.
Und da der Sommer gerade keine Pause macht, sondern nur die Fußballer, gibt es nun etwas zum Lesen. Keine Angst – der Text ist nicht auf platt
.

Bullenmützen klauen und die Leber ruinieren
11. Juni 1994: VfL Wolfsburg – FC St. Pauli

Folke: Manchmal dauert ein Abstieg nicht ein Jahr, sondern wenige Wochen. Wir waren in Bochum gewesen. Nun waren wir in Wolfsburg. In Bochum hatten wir Ende April den Aufstieg in die erste Liga gefeiert. Das war 43 Tage her. Ein hervorragendes 1:1 in einem grandiosen Spiel beim Spitzenreiter, fünf Punkte Vorsprung auf einem Nichtaufstiegsplatz (es galt noch die Zwei-Punkte-Regel!). Dazu eine fantastische Freitagabend-Atmosphäre im Ruhrstadion, einem Ort, an dem unmöglich Zweitligisten spielen konnten. Alles an diesem Abend in Bochum war erstklassig. Nur nicht die Zukunft.
Nun waren wir in Wolfsburg, und alles an diesem Nachmittag war zweitklassig. Nicht nur die Stadt, deren einziger fußballerischer Rekord die Gründung des SC Lupo als erstem deutschen Migrantenverein 1962 war. Niederlagen gegen Wuppertal, Jena, Uerdingen und Berlin hatten uns gegenüber München 1860 ins Hintertreffen gebracht. Rechnerisch war noch einiges möglich, wenn auch der Glaube fehlte. St. Pauli musste in der VW-Stadt mehr Punkte einfahren als die Sechzger in Meppen – oder aber sechs Tore aufholen.


Mike: Die Hoffnung auf ein norddeutsches Triumvirat gegen die bösen Aufstiegsmächte aus dem Süden trieben unseren Vorstadt-Fanclub per Sonderzug in die niedersächsische Retortenstadt, über die die Frau des ehemaligen HSV-Stürmers Valdas Ivanauskas sagte, als ihr Mann vom VfL umworben wurde: Hier kann ich nicht leben. Punkt!

Einer aus unserem Kreis hatte deshalb bereits auf der knapp 20-minütigen S-Bahnfahrt zum Hamburger (!) Hauptbahnhof damit begonnen, sich die Umwelt schön zu trinken und dabei eine 1,5 Liter 50/50-Mischung Whisky-Cola vernichtet. Dementsprechend war seine Performance während der Zugfahrt, die er größtenteils in der Waagerechten verbrachte. Da wir zu zehnt unterwegs waren, mussten wir uns auf zwei Abteile verteilen. Ich saß gemeinsam mit dem Whisky-Kenner, dessen Bruder und einem anderen Kumpel in der kleineren Filiale unserer Reisegruppe. Unser Sechserkompartiment wurde von zwei politisch korrekten Veganern komplettiert, die allerdings das Weite suchten, als der Bruder des schnarchenden Whisky-Kenners eine Packung panierter Formfleischlappen aus der Tasche zog, zwei Schnitzel in ein Brötchen stopfte und zu fressen begann als käme er auf den elektrischen Stuhl. Ich weiß immerhin seit diesem Tag, dass es Ketchup und Senf in ein und derselben Tube zu kaufen gibt.
In Wolfsburg empfingen uns gut gelaunte Polizisten und eine strahlende Sonne. Der Whisky-Kenner war mittlerweile auch wieder bei Sinnen. Er hatte eine Verabredung mit einem Arbeitskollegen, der den Weg nach Wolfsburg per Wohnwagen angetreten war. Warum auch immer.

Im Stadion staunten wir nicht schlecht. Die Gästekurve bestand aus einem Grashügel, auf dem sich diverse Hamburger Alkleichen rund eine Stunde vor dem Spiel noch mal von Innen beguckten. Auch wir legten uns in die Sonne und träumten vom Aufstieg. Rechtzeitig zum Anpfiff betraten wir die Kurve, in der für meinen Geschmack etwas zu wenig Anspannung herrschte. Es dauerte schlanke drei Minuten, bis der erste Löwe ein kräftiges Stück aus meinem Aufstiegstraum biss. Peter Pacult hatte für 1860 in Meppen getroffen.

Folke: War ein frühes Tor für die Münchner Löwen nun gut oder eher na ja? Eine offenbar schwierige Rechenaufgabe. Etliche der gut 10.000 St. Pauli-Fans im Stadion jubelten jedenfalls, als die Führung des Konkurrenten vermeldet wurde. Das damals ungeheuer modische Gewäsch von einer Fan-Freundschaft zwischen St. Pauli und 1860, die ja beide in ihrer Stadt vom HSV respektive den Bayern so fies unterdrückt würden, hatte sie wohl ihre Taschenrechner zuklappen lassen.
Hauptsache freuen. Hauptsache feiern. Ohne Rücksicht auf Rückstände. Als dank eines Patzers von Dieter Schlindwein bald auch Wolfsburg in Führung ging, wurde es schlimmer. „Scheißegal, scheißegal, scheißegal“, grölten die Freudenfans nun die Botschaft aus ihrer Spaßhölle. Ein Blick in die Sangesmeute ließ vermuten: Bräche die Lasche an einer ihrer mitgeführten Bierdosen, würde das den einen oder anderen mehr mitnehmen als ein Wolfsburger Treffer. „Euch ist doch euer ganzes Leben scheißegal!“, riefen einige zurück.


Mike: Mir war das alles überhaupt nicht „scheißegal“, zumal St. Pauli zur Halbzeit bereits aussichtslos 0:2 hinten lag und dabei spielte, als würde das Team zum ersten Mal gemeinsam auf dem Platz stehen. Als kurz nach der Halbzeit das 0:3 fiel, war allen klar, dass die Kiste gelaufen und somit 1860 aufsteigen würde. Da St. Pauli zu diesem Zeitpunkt eine angebliche Fanfreundschaft mit den Löwen verband, machten zahlreiche Fans in der Gästekurve aus der Not eine Tugend: „St. Pauli und der TSV“ oder „56, 57, 58, 59, 60 – 60 1860“-Gesänge trieben mich aus der Kurve.
Wie kann man sich für den direkten Konkurrenten freuen, wenn man gerade live erlebt, wie seine eigene, leblose Mannschaft in einer der hässlichsten Städte Deutschlands den Aufstieg verschenkt? Toleranz hin oder her, aber das ging jetzt doch zu weit.

Folke: Der andauernde Medienhype um St. Pauli-Anhänger, die immer nur feiern würden und fröhlich und friedlich wären, ganz egal, was passierte, hatte in dieser Gruppe ihr Ziel gefunden. Das waren Fans im Zeitalter ihrer selbstgewählten Reproduzierbarkeit. Leute, die an ihrem einmal programmierten Reiz-Reaktions-Schema haften blieben. Während die Fanzines Unhaltbar! (oft) und Übersteiger (manchmal) als die Richtlinien vorgebende Fanpolizei kritisiert wurden, machten diese Anhänger den totalen Konformismus mit den Leitartikeln des Boulevards zum praktischen Programm. Schau mal dort, die tollen „Pauli“-Fans im Wolfsburg-Käfig, wie die sich freuen. Leider sahen die meisten Jubelpaulianer schon zu angeschlagen und gar nicht mehr niedlich aus, sonst wären sie bestimmt von kleinen Kindern gefüttert worden. Unhaltbar! sprach von einer „grauenhaften Selbstparodie“ und empfahl: „Wer unbedingt einen ganzen Nachmittag happy sein will, mache doch einen Bogen um Fußballstadien und experimentiere gegebenenfalls mit neuen Drogen“.

Das Spiel lief weiter, aber wir waren nicht mal mehr in Wolfsburg. Wir waren am Ende. Ich verzog mich mit vielen anderen auf die Liegewiese, die es im alten Wolfsburger Stadion noch gab: Ein weitflächiges Grünareal, vereinzelt bepflanzt mit Imbiss- und Bierbuden. Auch die feierunlustigen Fans brauchten Ablenkung vom lustlosen Gekicke ihrer Mannschaft, die ohne Gegenwehr ihre letzte Chance liegen ließ. Wir ließen unser Gemüt von der Sonne grillen und griffen zu alten Drogen. Juliane Werding war nicht dabei, als Joints herumgereicht wurden. Wir lagen träumend im Gras – am Tag, als wieder mal ein Aufstieg starb.


Mike: Hinter der Kurve traf ich den Whisky-Kenner, der neben seinem Arbeitskollegen lag und in dessen Wohnwagen offenbar noch eine Distillerie aufgetan hatte. Sein Promillegehalt entsprach etwa der Zahl, die zu diesem Zeitpunkt neben dem VfL-Logo auf der Anzeigetafel stand. Ich weiß nicht mehr genau, warum wir unser Bier von Schwarzhändlern durch den Zaun am Ende unserer Kurve kauften, seine Wirkung jedenfalls verfehlte es nicht. Ich konnte diese ganzen Modefans in der Kurve einfach nicht mehr ertragen und verbrachte den Rest des Spiels, das 1:4 endete, mit zwei Halben auf dem Hügel.

Hossa: „60, 60, 1860“, lallten die zwei Kutten neben mir und gingen uns Umstehenden damit nicht zum ersten Mal an diesem Nachmittag auf die Nerven. Wir hatten soeben verloren und den Aufstieg verpasst – und diese Vollpfosten feierten die Münchner Löwen. Enttäuscht, fast schon wütend, ließ ich die beiden stehen und das Stadion hinter mir. Zielstrebig bahnte ich mir den Weg durch die abwandernden Massen, der mich direkt zur Tankstelle gegenüber der Spielstätte führte. Ein paar Dosen Bier mussten her. Der Einkauf dauerte weniger als eine Minute, und als ich mit der ersten geöffneten Dose am Mund den Verkaufsraum verlassen wollte, hatte sich bereits eine Schlange von gut hundert Metern gebildet. Froh, dem nun mit Sicherheit folgenden Chaos entkommen zu sein, setzte ich mich auf eine kleine Rasenfläche und wollte einfach nur meine Ruhe haben, um das eben Erlebte zu verarbeiten.

Wir waren am Vormittag zu neunt in zwei Autos aus Hamburg nach Wolfsburg gefahren und wollten nach dem Spiel zu Bekannten in einem niedersächsischen Dorf weiterreisen, um dort den erhofften Aufstieg zu feiern. Damit war ja nun Essig und zudem hatte ich meine Bezugsgruppe durch meinen frühzeitigen Abgang verloren. Ich rappelte mich vom Rasen auf, denn ich musste rechtzeitig zu den Autos kommen, um nicht für immer und ewig in dieser hässlichen Stadt ausgesetzt zu sein. Leicht apathisch schwebte ich durch die grün-weiße Wand feiernder Wolfsburger. Was hatten die eigentlich zu feiern? Der VfL hatte zwar gewonnen, stand aber dennoch mit einigen Punkten weniger einen Platz hinter dem FC St. Pauli. Was also wollten die?

Ich hatte diese Frage soeben als unbeantwortet in den hintersten Winkel meines Hirns verbannt, als neben mir ein Auto hielt und die hintere Tür geöffnet wurde. „Da bist du ja. Los steig ein, wir wollen endlich weg hier“, sagte einer meiner Bekannten. Das wollte ich auch und so kletterte ich auf den Rücksitz. Im Inneren des alten Passats war die grau-blaue Luft zum Schneiden und es duftete wie in einem Amsterdamer Coffee Shop. Das tat der Seele gut. Kurz darauf hatten wir die Autobahn erreicht und flogen mit 120 Stundenkilometern über das graue Band. Der Frust war etwas gewichen, und so langsam machte uns eine ausgelassene Stimmung breit. „Scheiß St. Pauli! Scheiß St. Pauli! Hey! Hey!“, hallte durch unsere rasende Räucherhöhle. Keine Frage, unsere Jungs hatten absoluten Mist zusammengespielt und dass ausgerechnet die ach so beliebte Sturmgranate Marin den einzigen braun-weißen Treffer erzielt hatte, konnte einen auch nicht wirklich begeistern. Doch da standen, nein, da flogen wir drüber. Jetzt regierte der Trotz: „Dann probieren wir’s eben in der nächsten Saison noch einmal.“ Das ist das Schöne am Fußball: Nach der Sommerpause folgt immer eine weitere Spielzeit.

Nach einigen Kilometern fuhr der zweite Wagen eine Weile neben uns und die Insassen machten merkwürdige Handbewegungen, die uns wohl irgendwas andeuten sollten. Hatten wir einen Platten oder brannte gar der Kofferraum? Wir schauten uns fragend an. Dann hielten sie einen Zettel ans Fenster: „HTB“ war darauf zu lesen. Wieder blickte ich in die ratlosen Mienen meiner Mitfahrer. Was sollte uns das nun wieder sagen? Spielten unsere Amateure etwa morgen gegen den Harburger Turnerbund und sie fragten, ob wir nicht doch gleich nach Hamburg zurückfahren sollten? Ich öffnete das Fenster einen Spalt, und nachdem sich der Nebel etwas gelichtet hatte, fiel mir auf, dass man durch den anderen Wagen bestens durchsehen konnte. Da dämmerte es mir: Haschisch, Tabak, Blättchen – das war es, was sie wollten. Wir packten ein Care-Paket, bestehend aus einigen Flaschen Bier und einer Packung Tabak, in der auch ein ansehnlicher Bobbel nebst Blättchen Platz fand. Dann wurde es heikel. Bei Tempo 120 tastete sich der andere Wagen vorsichtig an unseren heran, bis die beiden Autos Außenspiegel an Außenspiegel über den Asphalt rauschten. Dann reichte ich die Plastiktüte mit „HTB“ über die gestrichelte Linie zu der mir entgegen gestreckte Hand. Touché! Großer Applaus auf beiden Seiten. Eine neue Sportart war geboren. Wir tauften sie Synchron-Staffel-Fliegen.


Mike: Völlig bedient bestiegen wir den Sonderzug zurück nach Hamburg. Rechtzeitig zur Abfahrt hatte sich der Whisky-Kenner an das offene Fenster gemogelt. Nach einem kurzen Pfiff des Schaffners beugte er sich über einen Polizisten, der unweit des Zuges auf dem Bahnsteig stand und freundlich winkte. Mit einem gezielten Griff klaute er dem graumelierten Ordnungshüter die Mütze direkt vom Kopf weg und winkte freundlich zurück. Diese Schlussszene entschädigte doch für einiges an diesem Tag.

Mike (MiG), Folke (folk) & Hossa (Hossa)


VfL Wolfsburg: Zimmermann – Jensen, Kleeschätzky, Lieberam (77. Fiebich), Brunner – Gerstner, Emig, Akrapovic, Dammeier – Holze (81. Ockert), Winter. Trainer: Krautzun.

FC St. Pauli: Thomforde – Fröhling (46. Manzi), Stanislawski, Schlindwein, Dammann – Gronau, Hjelm, Hollerbach, Pröpper – Scharping, Marin. Trainer: Eichkorn.

Tore: 1:0 Winter (14.), 2:0 Emig (43.), 3:0 Holze (47.), 3:1 Marin (49.), 4:1 Gerstner (72.). SR: Dardenne (Nettersheim) – Z.: 13.264

P.S.: Eignetlich war für die Überschrift zu diesem (Blog-) Text so etwas wie „Was gibt’s zu Essen? – Wolfs-Burger“ geplant. Aber man kann nicht immer alles haben. Dennoch: Guten Appetit in Liga Zwo!

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