Keine Gästetickets für Hansa Rostock?

Man munkelte es schon ein paar Tage, heute ging der Verein damit an die Öffentlichkeit:

Der FC St. Pauli hat von der Hamburger Polizei eine Untersagungsverfügung für die Zweitligapartie gegen den FC Hansa Rostock am Sonntag, den 22. April 2012, erhalten. Die Verfügung erlegt dem Verein auf, keine Eintrittskarten an den FC Hansa Rostock für das Spiel im Millerntor-Stadion weiterzugeben.

Nun ist die Katze also aus dem Sack, die nächste Stufe im derzeit ja auch viel über die Medien ausgetragenen Streit zwischen Polizei und Fußballfans wurde gezündet.

Zur Erinnerung: Beim letzten Heimspiel gegen den FC Hansa, im Frühjahr 2010, war das damalige Präsidium unseres Vereins vorgeprescht, und hatte bei der Polizei um eine Reduzierung des Gästekontingents gebeten.
Es gab riesige Proteste innerhalb unserer Fanszene, mit der abschließenden Eskalation am Spieltag selbst, als die Süd bis fünf Minuten nach Anpfiff blockiert wurde und es auch innerhalb der St.Pauli-Fans selber zu Streitereien kam.
Böse formuliert, ist die jetzige “Untersagungsverfügung” also nur der Geist, den der verein damals durch seine Anfrage bei der Polizei selber rief.

Um einige Einwände vorwegzunehmen:

  • Ja, der FC Hansa Rostock darf sich weder über die schlechte öffentlich Wahrnehmung noch über die allgemeine Ablehnung seiner Fans großartig beschweren.
  • Bei einem Teil der Rostocker Fanszene wäre man sicher froh, wenn er freiwillig dem Millerntor und allen anderen Stadien dieser Welt fernbliebe.
  • Verfehlungen der Auswärtsfans des FC Hansa Rostock gab es  sicher genug, auch wenn man den Medienhype um Pyro mal ausklammert.
  • Bei den Spielen beider Vereine kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Auseinandersetzungen, daran waren nicht immer nur die Gäste von der Ostsee Schuld.

Und doch: All dies darf kein Grund sein, einer kompletten Fanszene die Anreise zu einem Fußballspiel zu verwehren, sonst sind wir tatsächlich schon in einem Polizeistaat angekommen.
Ohne Rücksprache mit dem DFB und der DFL, ohne Rücksprache mit den beiden beteiligten Vereinen, ohne Einbeziehung der Fanprojekte, will die Polizei hier “verfügen”. Exekutive und Legislative will die Polizei damit bereits in einer Person sein, in der Hoffnung, dass niemand die Judikative anruft.

Die Polizei spielt hier ganz klar auf den Faktor des derzeit in Deutschland herrschenden Medienhypes über die angeblich zunehmende Gewalt im Fußball, ungeachtet der Tatsache, dass dies eher in Wechselwirkung mit der seit 2005 stark zunehmenden Zahl an Polizei-Einsatzstunden einhergeht, wie u.a. im 11FREUNDE – Heft 11/2011 sehr ausführlich von Christoph Biermann und Ron Ulrich ausgearbeitet und nachzulesen. Vom zunehmenden Einsatz des Pfeffersprays und damit verbundener höherer Verletztenzahlen ganz zu schweigen.
(Zu dem Thema Medienhype hier mal ein etwas älterer, aber sehr schöner Artikel der Dortmunder Kollegen von Schwatzgelb: “Wir waren beim Fußball und haben es überlebt.“)

Mal ganz abgesehen davon, dass Spiele am Millerntor ohne Gästefans einfach nicht das Gleiche sind: Denken wir das oben erwähnte “Die Geister, die ich rief” noch mal eine Ecke weiter, um auch all denen, die zumindest gedanklich ein “Richtig so, haben sie doch verdient!” schon ausformuliert haben, etwas zum Nachdenken zu geben:
Sollte diese Entscheidung so vor Gericht Bestand haben, wäre es, wie der Verein auf der Homepage ja auch treffend formuliert, ein Präzedenzfall.

Und man muss kein Prophet sein, dass dies dann bei unserem nächsten Gastspiel in Rostock auch umgekehrt auf uns angewandt wird. (Bevor jetzt jemand unkt, dass wir uns ja in der Liga nie wieder mit denen messen müssen: Wir sprechen uns dann wieder, wenn die Losfee im DFB-Pokal Halbfinale 2015 unser Gastspiel an der Ostsee ausgelost hat.)
Und da die Hamburger Polizei zumindest in derlei Fragen an “Kreativität” ja nicht grad gespart hat, können doch gut und gerne auch die zahlreichen Stadtderbys der nächsten Jahre ohne Gästefans auskommen… wunderbaaar!

Um mich jetzt nicht in Rage zu reden schreiben, komme ich lieber zum Schluß:
In der Diskussion um weitere Repressionen, Abbau von Stehplätzen, Sippenhaft und Fanauschluss, Geisterspielen, Stadion- und Reiseverboten steht man derzeit an einem Scheideweg.
Mit der künstlichen Empörung des Boulevards über Dinge, die im Fußball alltäglich sind (ungleich: gut), die unterm Strich aber in früheren Jahren (ohne Internet) wesentlich schlimmer waren, versuchen verschiedene Gruppen (DFB, DFL, Polizei und insbesondere deren Gewerkschaften) diesen Hype “geschickt” für sich zu nutzen, um zum Einen den Fußball zu einem Saubermannsport zu machen, damit man ihn familiengerechter vermarkten kann, ungeachtet der Tatsache, dass ohne die leicht verruchte “Schmutzigkeit”, das Wilde und die Emotion, gerade aus den Fankurven, eben diese Vermarktung ihren Reiz verlieren wird.
Zum Anderen versucht die letztgenannte Gruppe je nach Stoßrichtung, sich wahlweise selbst zu legitimieren, indem sie ihre hohe Anzahl an Einsatzstunden mit entsprechend selbst provozierten/unterstützten Vorfällen rechtfertigt, oder aber gleich von vornherein jenen vermeintlichen Problemgruppen jeden Spaß an ihrer Freizeitbeschäftigung zu nehmen, was leider andererseits dann auch wieder nur zu einer weiteren Drehung der Spirale und beim nächsten Spiel zu weiteren Eskalationen führt.

In dieser ganzen Gemengelage bin ich sehr froh, dass sich unser Verein (und damit auch das von uns ja nun auch oft genug kritisierte Präsidium) derzeit anders verhält, als noch vor wenigen Jahren. Binnen weniger Monate hat man nun schon in vier wichtigen Fällen sich vor seine (oder in diesem Fall sogar andere) Fans gestellt:

  • Lübeck statt Geisterspiel, dank Einspruch beim DFB
  • Stellungnahme zum Schweinske Cup
  • Einspruch beim Kassenrollenurteil
  • Gang vor Gericht in diesem Fall

Der viel zitierte “andere Verein” hat immer noch kein Trikot mit einer großen “12” drauf im Stadion hängen, um den Fans das ausgelutschte “Zwölfte Mann”-Motto vorzukauen, sondern zeigt in genau solchen Entscheidungen, dass viele von uns eben doch noch wissen, warum sie hier stehen, am Millerntor, und nicht irgendwo anders. // Frodo

P.S. Vielleicht wäre der FC Hansa ganz froh, wenn man seinen Fans die Reise ans Millerntor verbietet, mag durchaus sein. Dann soll er das aber bitte selber entscheiden und mit seinen Fans ausdiskutieren, dies ist dann nicht Aufgabe der Hamburger Polizei. (siehe P.P.S.)

P.P.S. Der FC Hansa hat sich(mit knappen Worten) ebenfalls geäußert und unterstützt den FC St.Pauli bei seinem Anliegen.
Etwas ausführlicher wird da der Kommentar auf hansafans.de.

Weitere Links zum Thema:
MagischerFC mit dem juristischen Blick auf die Dinge
Neunzehnhundertzehnblog mit ähnlichen Gedanken bzgl. des gerufenen Geistes
St.Pauli.nu mit dem Begriff der “Sippenschutzhaft”

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13 Kommentare zu Keine Gästetickets für Hansa Rostock?

  1. Hi Frodo!
    GUTER Kommentar! Ich sehe nur eines nicht: wieso schließen sich “Familien”, “Wildes” und “Emotion” Deiner Meinung nach aus oder sind gar Kontrapunkte? Bei uns in der Gegengeraden solltest Du die Kleinen mal am Zaun sehen… aus “Familien” direkt einen Zusammenhang zur “Wirtschaftskraft” und dadurch zu Vermarktungszwecken des Vereins oder der Liga zu ziehen ist -meiner Meinung nach- bösartig und sogar Fanszenespaltend. Ich bin nicht für einen “Saubermannsport”, meine aber, dass man nicht faschistoid 60 Mins lang “Wir (?) sind OOOOOOOOOOOOO St.Pauli” singen muss, um (wie auch immer) klarzustellen, dass man gegen Homophobie, Rechtsextremismus und Ähnliches ist. Das ist peinlich. Da lassen wir -als Fanclub- lieber einen TV-Beitrag in Sport1 über uns anfertigen, bei dem (am 14.03. um 19:45 Uhr erstmalig bundesweit ausgestrahlt!) ein schwules Pärchen Hand in Hand geht und wir uns eindeutig äußern. Wirkt einfach mehr…

    • Frodo sagt:

      Moin Torsten,
      nein, die Begriffe schließen sich natürlich nicht aus, das schreibe ich auch nicht.
      Lediglich in die Vision eines “sauberen Familienstadions”, wie ich sie dem DFB unterstelle, passt das, was ich in der Kurve als “Wild” und “Emotional” bezeichnet habe, eben immer nur dann rein, wenn es stressfrei passiert.
      Ansonsten: den Begriff “faschistoid” solltest Du zwingend überdenken bzw. nochmal nachschlagen, das ist nicht nur verdammt dünnes Eis sondern auch komplett im Ton daneben.

      • Torsten Rhein sagt:

        Moin Frodo.
        Entschuldigung. Stimmt. Hiermit meinerseits absolut zurückgenommen.

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  4. Stefan sagt:

    Unabhängig vom restlichen Inhalt bitte dringend noch einmal die rechtlichen Gewalten in unserem Staat studieren und richtig benennen (Judikative bzw. Jurisdiktion = gesetzsprechende Gewalt = Gerichte; Legislative = gesetzgebende Gewalt = Parlamente). Es kommt nicht gut, die Gewaltenteilung ins Feld zu führen und dabei die Gewalten zu verwechseln ;-).

    Ansonsten weiter so 🙂

    P.S. Dieser Beitrag darf gern von der Veröffentlichung ausgenommen werden, soll mehr so ein interner Hinweis sein.

  5. Jens Marco Scherf sagt:

    Volle Zustimmung zum Kommentar! Ausschluss ist der absolute falsche Weg und rechtlich mehr als fragwürdig!

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