22.Spieltag (H) – Borussia Mönchengladbach

FC St.Pauli – VfL Borussia Mönchengladbach 3:1 (1:1)
Tore: 0:1 Igor de Camargo (9.), 1:1 Max Kruse (38.), 2:1 Gerald Asamoah (53.), 3:1 Matthias Lehmann (58.)
Zuschauer: 24.487 (ausverkauft, sogar die Business-Seats. ca. 3.000 Borussen)
Rote Karte: Igor de Camargo (21., Tätlichkeit an Lehmann)

Okay, zwei Wochen nach dem Spiel kann ich hier mit dem Spielbericht natürlich gleich zuhause bleiben, daher beschränke ich mich auf die zwei Themen des Spiels:

Matthias Lehmann
Es lief die 20.Spielminute, St.Pauli zeigte sich vom Gegentor gut erholt und die Gladbacher hatten bereits begonnen, theatralisch jeden Zweikampf als versuchten Totschlag zu interpretieren, insbesondere de Camargo und Mike Hanke taten sich dabei besonders und Oscar-reif hervor. Nun ging Lehmann an der Mittellinie robust in den Zweikampf mit de Camargo, war aber zumindest bemüht dabei auch den Ball zu berühren. Klar aber auch: Foul ist okay und auch über Gelb kann man sich da nicht beschweren.
De Camargo aber rennt wie eine angeschossene Sau auf Lehmann los und zuckt mit dem Kopf an dessen Stirn und berührt ihn dort. Klare Tätlichkeit und rote Karte, überhaupt gar keine Diskussion, bitte. Ob und wie doll er ihn berührt, ist lt. Regelwerk des DFB komplett irrelevant, er hat dort überhaupt gar nichts zu suchen und seine Aktion muss zwingend mit Rot geahndet werden. Wie der DFB auf die abenteuerliche Vorstellung kommt, ihn dafür nur mit einem Spiel Sperre zu bestrafen, ist mir ein absolutes Rätsel und geradezu eine Frechheit. Punkt, aus, Ende der Bewertung zu de Camargo. Irgendwelche Einsprüche bis hierhin? Dann bitte gerne in die Kommentare, ich bitte aber zu berücksichtigen, dass das Verhalten Lehmanns bis hierhin völlig egal ist, zu dem komme ich jetzt.
Ich erinnere mich an das Interview mit Christian Bönig im Übersteiger, in dem er über seine Rolle und das “Korrektur lesen” der Interviews von Spielern oder sonstigen Vereinsangestellten sprach. Da sagte er auch, dass beispielweise die Mixed-Zone, wo die Spieler direkt nach Abpfiff landen, komplett außen vor sei und er da keinen Einfluss nehme und auch nicht nehmen könne… und exakt dies wurde Lehmann wohl zum Verhängnis, denn sein süffisantes “Wir liegen 1:0 hinten, wenn er mir da dieses Geschenk anbietet, nehme ich es auch gern entgegen!” wurde von so ziemlich allen Medien ausgeschlachtet und Lehmann fortan als Sau durch den Sportboulevard getrieben, was für ein unfairer Geselle.
Ja, auch ich wünsche mir Fairplay, ich will keine Schwalben, keine theatralischen Umfaller. Lehmanns zusammenbrechen nach der Berührung am Kopf war übertrieben und gehört sich nicht, Punkt. Wenn Schiedsrichter dies auch mit bewerten könnten (womit man wieder mal bei der Videobeweis Diskussion wäre, gegen den ich nach wie vor bin), hätte ihm konsequenterweise Gelb-Rot gezeigt werden müssen. Gelb für das Foul, zweites Gelb für die “Schwalbe”. Aber: Dies setzt voraus, dass man Lehmanns zu Boden sinken als Schwalbe outet, und wäre dies allein aufgrund der Fernsehbilder möglich gewesen? Eher nicht.
Bestraft wurde anschließend in den Medien also im Grunde genommen seine (ziemlich naive) Ehrlichkeit! Wenn alle Spieler nach dem Spiel immer so ehrlich wären, würde man wöchentlich allein in der Bundesliga ca. 15-20 Spieler an den Pranger stellen müssen! Spieler wie Marin, Jarolim, Mike Hanke und viele weitere wären gar heiße Kandidaten für den “Pranger fürs Lebenswerk”, da sie ständig im Spiel “Geschenke annehmen”, wie es so schön heißt. Jedes Mal, wo jemand im 16er hinfällt und man das vielzitierte “Naja, den Elfer wollte er auch haben!” fallen lässt, hat derjenige nur ein Geschenk angenommen. Und dies finde ich viel verwerflicher, weil es sich um kompletten Betrug handelt, da sich der Verteidiger i.d.R. nichts hat zu Schulden kommen lassen, während de Camargo (ich wiederhole mich) hier eben eine (zumindest versuchte, aber das reicht) Tätlichkeit beging. Nur hört sich in den Interviews eben “Ich spürte eine Berührung!” eben weniger verwerflich an, als “Ich hab das Geschenk angenommen!”. Und damit habe ich noch kein Wort über diejenigen verloren, die tatsächlich eine plumpe Schwalbe versuchen.
Am nächsten Tag erschien auf der Vereins-Homepage dann schnell ein Interview mit Lehmann, in dem er die Szene wie folgt beschreibt:
Fin wird von de Camargo getunnelt, dann gehe ich hart in den Zweikampf, treffe aber den Ball. Er kam dann zu mir und hat mir erzählt, was das denn sollte. Dann berührt er mich an der Stirn. Ich habe mich durch die Berührung erschrocken und bin zurückgewichen.
Da sieht man mal, wofür Christian Bönig sein Geld bekommt und das er den Job auch wirklich gut macht. Hätte Lehmann gleiches am Tag zuvor schon in die Mikrofone gesprochen, wäre der empörte Schrei ausgeblieben und viele Blogger und Kolumnisten hätten sich ihre Echauffierung sehr wahrscheinlich gespart.
Will sagen: Kein Ruhmesblatt für Lehmann, die ganze Aktion, sicher. Nur ihn derart anzuprangern, weil er einfach die Wahrheit ausspricht, ist schlichtweg zu simpel. Andernfalls erzieht man die Spieler eben zu den gelackten und von Medienberatern weichgespülten 08/15 Fußballern, deren Interviews sich ständig gleich anhören.
Der Ansatz, mehr Ehrlichkeit im Profifußball auf dem Platz einzufordern, stößt bei mir absolut offene Türen nur noch weiter auf. Ein “Exempel” aber zu statuieren an einem Spieler, der bisher absolut nicht durch Theatralik auffiel, nachdem eine Tätlichkeit (wie schlimm auch immer) an ihm begangen wurde, kann ich absolut nicht nachvollziehen, da müsste man viel eher und auch bei viel prominenteren Namen ansetzen.

Pyro:
Da ich diesen Text nach dem Derby schreibe, vermutet jetzt sicher jeder, ich sei davon beeinflusst worden. Mag sein, ich kann Euch nur versichern, dass mir der jetzt folgende Text bereits sinngemäß während des Gladbach – Spiels durch den Kopf ging und sich an meiner Einstellung zu Pyros sicher beim Derby wenig verändert hat, aber dazu später im Derby-Blog sicher noch mehr. Hier beschränke ich mich jetzt erst mal auf den Gladbacher Gästeblock.
Pyros sollen toll aussehen, ein Gefühl der Stärke und Macht vermitteln und (wenn es denn heimlich vorbereitet und gezündet wird) sicher auch sowas wie Rebellion und ein kleines bisschen “Ätschi Bätsch, Ihr könnt uns nicht alles verbieten!” ausdrücken. Und ich persönlich bin auch nach wie vor der Meinung, dass es sich bei einem kontrollierten Abbrennen von Pyros keinesfalls um ein Verbrechen handelt.
Fakt ist aber auch: Es ist derzeit nicht erlaubt, auch dafür gibt es Gründe. Ob ich die teilen und nachvollziehen kann, ist irrelevant und ändert am Fakt nichts.
Wenn nun also im Gästeblock “gezündelt” werden muss, so muss sich derjenige bewusst sein, dass er etwas (wie schwerwiegend auch immer) verbotenes tut, so wie jeder Fußgänger der bei rot über die Ampel geht oder jeder Falschparker. Und wenn man dabei erwischt wird, muss man mit den Konsequenzen leben. Die Konsequenzen waren hier zunächst nicht gegeben, es passierte nichts außer ein paar Reaktionen des Heimpublikums. Also nochmal gezündelt, wieder nichts.
Irgendwann aber marschierte dann doch Team Green auf und auch in den Gästeblock hinein. Muss ich nicht gut finden, darf mich aber eben auch nicht überraschen. Es wurden dann Personen rausgezogen, auch dies darf niemanden verwundern. Zumindest gehe ich mal davon aus, dass die Polizei hier “dank” der Videoüberwachung die Richtigen rausgezogen hat. Nochmal: Ich will da nicht werten, ich bin da sehr indifferent, aber es darf sich keiner hinstellen und von Skandal! reden, wenn da nicht nur einmal im Überschwang der Führung gezündelt wurde, sondern nahezu permanent. Dass irgendwann eingeschritten werden muss, sei es durch die Polizei oder den Ordnungsdienst, ist völlig klar, ansonsten macht sich der Verein lächerlich, schließlich spielt man hier in einem Ligaverbund in dem gewisse Regeln gelten und auch wenn St.Pauli mit seinen Gästefans in der Regel netter umgeht als die meisten anderen, so muss doch irgendwann auch einmal Schluß sein.
Noch dazu, wenn es aus dem Gästebereich heraus Beschwerden gab, wie Sven Brux hier im St.Pauli Forum schreibt. Wenn mehr oder weniger Unbeteiligte Verletzungen (oder meinetwegen auch “nur” Sachschäden) davontragen, ist eine Grenze überschritten, allerspätestens.
Es ehrt ja die Ultras aller Vereine, dass hier sowas wie eine uneingeschränkte Solidarität herrscht, und auch USP fing bei der Gelegenheit an “Scheiß Polizei!” zu singen. Ich hatte in der Folge der Podiumsdiskussion zu Beginn 2010 Gelegenheit, mich hier mal eingehender mit der USP-Position zu “Polizei im Block” zu beschäftigen und finde es daher konsequent und auch okay, dass man sich hier solidarisch mit dem jeweiligen Gästeblock erklärt, da aus Sicht von USP eben nie ein Polizeieinsatz im Gästeblock erlaubt/nötig sein kann. Zumindest sieht USP das so für den eigenen Gästeblock vor, da man sich selbst immer in der Lage wähnt, die Sache Kurvenintern zu lösen. Ein absolut sympathischer und mir sehr sinnvoll erscheinender Ansatz, den ich auch sehr gerne unterstützen würde, allerdings ist dieser eben in der Praxis nur schwer an die Vereine und die Polizei zu vermitteln, nachvollziehbarerweise.
Wenn die beiden Fans sich beim Ordnungsdienst beschweren, der Verein aber nicht reagiert und die anderen fröhlich weiter zündeln (wie bei Gladbach eben geschehen), so begibt man sich als Verein auch irgendwann in riesige Haftungsprobleme. Angenommen, den beiden passiert in der zweiten Halbzeit noch mehr, weil Verein und Polizei eben nicht reagiert haben, obwohl vorher dieses “Verbotene” aufgezeigt wurde? Ich will gar nicht von Brandschäden an der Hand oder ähnlichem reden, aber in der Situation des Vereins will ich da echt nicht stecken.
Wenn es sich um ein einmaliges Abfackeln handelt (und dies bitte ich bei der Betrachtung unseres Derbys zu berücksichtigen), so muss man da als Polizei nicht zwingend reinstürmen. Wenn aber wiederholt an der gleichen Stelle gezündelt wird und es dann von anderen auch noch Beschwerden darüber gibt, so ist ein Einschreiten unvermeidbar, zumindest aus meiner Sicht. // Frodo

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