Wenn 36 das gleiche vorlesen, ist es noch lange nicht dasselbe

An den beiden vergangenen Wochenenden verlasen die jeweiligen Mannschaftskapitäne der gastgebenden Vereine in der 1. & 2. Bundesliga jeweils eine Ansprache, die ihnen die DFL in die Mikrofone diktiert hatte.

Wir hatten im Sandhausen-Bericht bereits erwähnt, dass der FC St.Pauli lobenswerterweise von dem 08/15-Text abgewichen war.
Hier nochmals die ursprünglich angedachte Variante der DFL:

Liebe Fußballfans!
zusammen mit Euch wollen wir eine gute Saison erleben.
Dabei haben wir alle – Spieler, Trainer, Fans, Clubs aber auch Sponsoren und Medien eine Vorbildfunktion. Millionen sehen an jedem Wochenende die Leistungen der Teams und sind fasziniert von der Stimmung in den Stadien.
Dazu gehören Leidenschaft, Emotionen und Stehplätze!
Als Kapitän von/des XXX spreche ich für meine Mannschaft und unseren Club: Helft mit, diese Werte, die die Bundesliga so einzigartig machen, zu erhalten.
Es gibt aber auch Dinge, die in unseren Stadien nichts zu suchen haben. Wir stellen uns klar gegen Rassismus, gegen Diskriminierung, gegen Gewalt und auch gegen Böller, Rauchbomben oder Bengalos.
Unterstützt den Fußball mit fairen und legalen Mitteln, damit helft Ihr uns!
Wir zählen auf Euch und hoffen auf eine erfolgreiche Saison!
Vielen Dank!

Und erneut der Hinweis auf die Kollegen vom Textilvergehen, was man daran alles kritisieren kann muss.

Wie schon am Wochenende geschrieben, bin ich froh darüber, dass bei unserem Verein immerhin ein Problembewusstsein dahingehend existiert, dass man den Text der DFL nicht blind und 1:1 übernimmt. Schlimm genug, dass dies bei einigen Vereinen passiert ist. Immerhin hat es wohl jeder Verein geschafft “XXX” durch den eigenen Vereinsnamen zu ersetzen.
Bei uns verlas Fabian Boll am Samstag folgenden Text:

Liebe Fans des FC St. Pauli!
Ihr habt uns vor zwei Jahren zum Aufstieg gepeitscht, letztes Jahr mit Applaus in die 2. Liga verabschiedet. Geimeinsam sind wir dieses Jahr knapp am Aufstieg vorbeigeschrammt.  Und fast alle von euch haben sich die komplette letzte Spielzeit hindurch absolut vorbildlich verhalten. Dafür danken wir Euch!
Am heutigen Spieltag verlesen alle Kapitäne der 1. und 2. Bundesliga die Bitte an Euch Fans, auch in der Saison 2012/2013 auf Gewalt, Rassismus und Diskriminierung zu verzichten. Ebenso auf Böller, Rauchbomben und Bengalos. Wir als FC St. Pauli haben eine Vorbild-Funktion und wollen ihr gerecht werden.
Lasst Euch Leidenschaft, Emotionen und Stehplätze nicht wegnehmen! Wir brauchen und zählen auf Euch. Als Supporter mit fairen und legalen Mitteln. Heute und künftig.
Vielen Dank!

Positiver formuliert, mehr Wert auf miteinander gelegt, Rassismus und Pyro immerhin formal durch ein Satzende in zwei getrennte Sachverhalte gepackt.

Inzwischen haben wir aus Berlin vom Textilvergehen auch die komplette Version des Textes von Union erhalten, die Kapitän Torsten Mattuschka am Montag Abend vor dem Berliner Derby verlas.

Anprache von Unions Kapitän Torsten Mattuschka vor dem Berliner Derby
Anprache von Unions Kapitän Torsten Mattuschka vor dem Berliner Derby.
(c) Foto: Textilvergehen.de

Die Unterschiede sind noch einmal gewaltig. Als erstes fällt auf, dass etwas fehlt. Nämlich die Nennung von Bengalos, Pyro, etc. Und das fällt sogar so sehr auf, dass selbst der Kicker es erkennt, der sonst bei Fan-Themen nicht grade seine Kernkompetenz beweist. Nebenbei erkennt man an einem Nebensatz im Kicker-Artikel auch, dass die Queen die DFL wahrscheinlich “not amused” ist, denn:

In der Tat hatte unter anderem auch der FC St. Pauli den beispielhaft vorgegebenen Wortlaut des Appells am Wochenende angepasst, die vorgesehene Kritik an der Verwendung von Pyrotechnik, die laut DFL in den Standardtext gehört, jedoch nicht unerwähnt gelassen.

Soso, in den Standardtext gehört das also rein.
Hat der 1.FC Union Berlin jetzt also gleich die nächste Geldstrafe zu befürchten?
Oder gibt es auf die nächste Pyro-Aktion der Köpenicker einen “Bonus” mit der Begründung, dass man ja wohl absichtlich die Fans nicht, wie empfohlen, drauf hingewiesen hat?

Auch die Gewichtung, den Erhalt der Stehplätze als gemeinsames, nicht diskutables Statement vorweg zu schicken, gefällt mir sehr.
Ebenso der Punkt, mit den Fans zu reden, nicht über sie. Dies dürfte sogar als direkte Kritik an den Medien einerseits ausgelegt werden können, als auch andererseits an der DFB/DFL selbst, die ja bekanntlich eben jene Sicherheitskonferenz ohne Fanvertreter angesetzt hatten.

Wie dem auch sei, wie schon bei der Sicherheitskonferenz hat der 1.FC Union Berlin erneut gezeigt, dass man sich von DFB und DFL nicht jeden halbgaren Mist gefallen lassen muss.

Unser Verein steht mit der zu bauenden Stadionwache (vgl. ÜS 104 aus August 2011, ÜS 106 aus März 2012 und ÜS 108 vom Wochenende) vor einer ähnlichen Bewährungsprobe gegenüber der Stadt und der Polizei und es bleibt zu hoffen, dass man hier am Ende doch noch die Größe beweisen kann und sich vor seine Fans stellt. Ob es am Ende dann die Goliathwache in der Elbphilharmonie wird oder man sich einfach nur zu einem entschiedenen NEIN durchringt, soll uns dann auch egal sein. Hauptsache, der dringend vereinsseitig benötigte Platz (insbesondere langfristig gesehen) z.B. für das Museum bleibt erhalten. // Frodo

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5 Antworten auf Wenn 36 das gleiche vorlesen, ist es noch lange nicht dasselbe

  1. schlumpfmuetze sagt:

    Übrigens wurde auch beim Heimspiel der SG Dynamo Dresden gegen den FCK eine andere Ansprache von Robert Koch vorgelesen. Die Ansprache war an das vorher auf der Vereinshomepage veröffentlichte Statement “Wir sind ein bunter Haufen” angelehnt und richtete sich klar gegen Diskriminierung und Rassismus.

    • Frodo sagt:

      Danke für den Hinweis.
      Es haben wohl zum Glück ein paar mehr Vereine eine eigene Version verlesen, leider aber eben nicht alle.

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