Buchrezension „Boykottiert Katar 2022! – Warum wir die FIFA stoppen müssen“ von Beyer/Schultze-Marmeling und mehr zum Themenschwerpunkt WM in Katar

von Gejo

Als 2010 die Fußballweltmeisterschaft 2022 überraschenderweise nach Katar vergeben wurde, war die Verwunderung unter Millionen begeisterter Fußballfans groß.
Warum ausgerechnet ein reicher, im Sommer unerträglich heißer Wüstenstaat, kleiner als die meisten deutschen Bundesländer, mit einer Gesamtbevölkerung von nur 2,7 Millionen, von denen nur 300.000 als Kataris gelten, und das ohne jede Fußballtradition?

Cover des Buchs ‘Boykottiert Katar 2022!’

Das vorliegende Buch der Autoren Beyer/Schulze-Marmeling wartet auf 160 Seiten mit einer Fülle von teils wenig bekannten Informationen zur anhaltenden Katar-Kontroverse auf.
Der namensgebende Titel legt nahe, dass beide Autoren zu einem einhelligen Urteil kommen, wenn es um die Frage geht, ob eine große globale Boykott-Kampagne gerechtfertigt ist und sie belegen es mit überzeugenden Argumenten.
Es muss davon ausgegangen werden, dass die WM durch eine Vielzahl von Korruptionsfällen erkauft wurde. Allein dies würde einen Boykottaufruf schon hinlänglich rechtfertigen. Doch schwerwiegender wiegt die Tatsache, dass Katar ein Land ist, in dem das Fehlen von Menschenrechten regelrecht gesetzlich verankert ist. Das Alibi-Argument es sei halt eine andere Kultur zählt nicht, da Menschenrechte neben ihrem universellen Charakter auch unteilbar sind und es enthüllt außerdem einen unterschwelligen Rassismus, der nur leicht euphemistisch ausdrückt ‘der Araber sei halt nicht so weit und noch gar nicht zur Demokratie fähig’.

Leiden die Einheimischen unter mangelnden Menschenrechten wie Meinungs- und Religionsfreiheit, freie sexuelle Orientierung und Gleichberechtigung der Geschlechter, so ist es für die Millionen Gastarbeiter*innen um einige Schippen extremer. Amnesty International geht nach eigenen Angaben mittlerweile von etwa 15.000(!) Arbeiter*innen aus, die beim Bau von Stadien und strukturverbessernden Maßnahmen rund um die WM in Katar bis heute ihr Leben verloren haben. Die Überlebenden ertragen weiter die allgemein sklavenähnlichen und menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen.

Wunsch und Wirklichkeit gehen bei der Fifa selten zusammen.

Und selbst Tourist*innen können keinesfalls unbehelligt herumreisen. Nehmen wir beispielhaft das Thema Frauenrechte im Kapitel “Keine Freiheiten in Katar”. 2016 ist eine niederländische Touristin wegen Ehebruchs für 3 Monate ins Gefängnis gekommen, nach dem sie bei der Behörde aussagte, an einer Hotelbar zunächst unter Drogen gesetzt worden zu sein und später in einer fremden Wohnung mit zerrissenen Kleidern aufgewacht sei. Dieser Extremfall ist keineswegs als tragische Ausnahmeerscheinung einzuordnen, sondern folgt stringenter Weise der strengsten Auslegung islamischen Rechts, nach der eine Frau wegen außerehelichem Geschlechtsverkehr bestraft werden kann, wenn sie in Katar eine Vergewaltigung anzeigt.

In die lange Liste der No-Gos kommt weiterhin hinzu, dass die absolute Monarchie Katar jegliche Kritik gegen Staatsoberhaupt Emir Tamim bin Hamad Al Thani drakonisch bestraft. Doch die FIFA interessiert solch “soziale Querelen” (Sepp Blatter) herzlich wenig, winken doch füllhornerne, sprudelnde Kassen. Autokratie und der Gigantismus einer immer wieder neu eierlegenden Wollmilchsau verstehen sich hierbei blendend.
Dass dies nicht erst mit der Vergabe an Katar ein Markenzeichen der Fifa ist, zeigt im Kapitel “Sieg, Tod – und Gerechtigkeit” die Historie der ausgetragenen Titelkämpfe seit 1930. Man denke nur an die tausenden von Menschen, die im Vorfeld der WM 1978 in Argentinien von der damaligen Militärjunta gefoltert, verschleppt und teilweise bis heute verschwunden sind.

Problematisch zudem der gewaltige Geldfluss in den europäischen Fußball durch das Emirat, was eine Menge Konfliktpotenzial in sich birgt. Das bekam der FC Bayern durch seine Fans zu spüren, aber im Gegenzug auch die Fans durch ihren Verein. Einem langjährigen aktiven Mitglied, der bei der Jahreshauptversammlung 2019 den Antrag auf eine verpflichtende Einhaltung der Menschenrechte des Clubs eingereicht hatte, wurde später unter einem Vorwand ein unbefristetes Hausverbot u.a. auch für die Allianz-Arena erteilt. Denn wie sagte Ex-Trainer Pep Guardiola einmal so schön: “Katar ist ein demokratisches Land, sonst hätte es nicht die WM bekommen.“ Da kann man als Fan nicht einfach so mit Menschenrechten kommen. Und Beckenbauer hat da ja auch keine Arbeiter mit Fußketten und Eisenkugeln gesehen.

Ja, ja… der große FC Bayern regt sich lieber über das unmenschliche Nachtflugverbot für seine Spieler auf. Man wolle schließlich nur mitspielen in Ländern wie Katar oder auch Saudi-Arabien, dem anderen problematischen arabischen Land, bei dem 2015 am Tag vor einem Freundschaftsspiel in Riad, eine Frau öffentlich bei vollem Bewusstsein in Mekka enthauptet wurde. Jetzt ließe sich einwenden, dass der Verein kein Mitspracherecht bei der Politik dieser Länder hätte. Diesem, nennen wir es ruhig Schutzargument, lässt sich aber entgegnen, dass der Verein allein durch seine Anwesenheit eben genau oben beschriebene menschenverachtende Politik zumindest legitimiert.

Nicht unerwähnt bleiben darf zudem die Finanzierung des Hamas-Terrors durch Katar, die fehlenden Sportler-Rechte (siehe den Fall Zahir Belouni) und die in Relation dazu harmlos anmutende Tatsache, dass dem Land jedwede Fußballtradition fehlt.

Letztlich bleibt es dem/r Leser*in selbst überlassen, ob man in “Boykottiert Katar 2022” einen moralischen Kompassgeber findet. Und darf die strikte Trennung von Politik und Sport, die von zahlreichen Fans aus Liebe zum Fußball weiterhin eingefordert wird, endgültig ins Reich der Ammenmärchen verbannt werden? Das sind Fragen, die schlussendlich jeder für sich selbst beantworten kann oder muss, je nach Perspektive, die zu diesem komplexen Thema eingenommen wird.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass in dem Kapitel „Ein notwendiges Netzwerk“ Sportjournalist Ronny Blaschke mit einer Gegenmeinung zu Wort kommt. Tenor seiner Ausführungen bildet die Überzeugung, dass ein global angelegter Boykott unrealistisch sei, weil sich die Kommerzlogik des Profifußballs nicht überwinden und sich auch in einem schlechten System Gutes bewirken lasse.
Das Autorenduo Beyer/Schultze-Marmeling kommt zu dem Schluss, dass es eben nicht nur das eine, ultimative Argument für einen Boykott gibt: “Es ist die Vielzahl an Faktoren, die ein WM-Turnier in diesem Land unerträglich macht.”
Dabei ist es nicht damit getan, einfach nur zu Hause den Fernseher auszuschalten oder auf WM-Merchandisingartikel zu verzichten. Der Protest muss schon auch sichtbar werden. Ein Positivbeispiel bot die norwegische Nationalmannschaft im Frühjahr 2021, als die Spieler zu den Klängen ihrer Nationalhymne weiße T-Shirts mit der Aufschrift: „Human rights. Off and on the pitch“ (“Menschenrechte, auf dem Platz und daneben.“) trugen. Alles in allem gehe es um konsequente Aufklärungskampagnen und hörbare Störgeräusche über die prekären politischen Verhältnisse in Katar, aber auch darum, was bei der FIFA jahrzehntelang falsch gelaufen ist bzw. läuft. Beyer und Schultze-Marmeling haben darum neben der Buchveröffentlichung die Initiative #BoycottQatar2022 ins Leben gerufen. Neben einem Aufruf – den der Übersteiger ebenfalls unterzeichnet hat – wird über Aktionen, Veranstaltungen und Vorträge informiert. Eine Übersicht sowie den Aufruf findet man unter boycott-qatar.de.

Boykottiert Katar 2022! – Warum wir die FIFA stoppen müssen von Beyer/Schultze-Marmeling
Verlag die Werkstatt
ISBN: 9783730705452
1. Auflage 2021 – 160 Seiten – Paperback

Passend zum Thema möchten wir euch außerdem ein Projekt und die dazugehörige, bis zum kommenden Februar laufende Crowdfundingkampagne vorstellen: Es geht um den „Global Cup“, die “Alternative zur FIFA-WM 2022”, einem Turnier, das parallel zur WM stattfindenden soll.

Alternative zur WM: Der Amateur Sports Against Profit Global Cup. Foto von der dazugehörigen Instagramseite.

Die Initiatoren (Studierende aus Leipzig) beschreiben das Projekt folgendermaßen: „Vier Wochen lang sollen 16 Teams mit mindestens 15 Spieler*innen die Möglichkeit haben, in Leipzig um den ASAP Global Cup 2022 zu spielen (ASAP = Amateur Sports Against Profit). Die Spiele werden zeitgleich zu den Partien der FIFA-Weltmeisterschaft ausgetragen, um eine reale Alternative für Fußballfans und Konsument*innen zu schaffen.

Auf dem Platz, am Spielfeldrand, im Publikum und im Internet wollen wir einen safer space im Fußball generieren, den es in den heutigen Stadien (noch) nicht gibt. Zudem handelt es sich beim ASAP Global Cup um ein Turnier ohne die binäre Geschlechtereinteilung, es ist also kein Herren- oder Frauen-Turnier. Weder Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Religionszugehörigkeit sind ausschlaggebend, wer als Spieler*in an dem Turnier teilnimmt. Unser explizites Anliegen ist es, auch Menschen jenseits des vom Profifußball suggerierten cis-männlichen Ideals eine Plattform zu bieten.

Per kostenlosem Livestream oder vor Ort wird dem Publikum eine ebenbürtige Turnieratmosphäre geboten, welche unter anderem durch spannende Vorberichtserstattungen, kritische Halbzeitanalysen und authentische Live-Kommentierung gewährleistet wird.“

Frisch erschienen ist außerdem folgende Doku der ARD Sportschau über die WM-Vergabe nach Katar:

In der Januar-Printausgabe des Fußballmagazins ballesterer liest man zwei spannende Artikel zum Thema, eines davon beleuchtet unter anderem das (kaum vorhandene) Verhältnis der Kataris zum einheimischen Fußball. (Erhätlich in jeden gut ausgestatteten Bahnhofskiosk und wirklich sehr empfehlenswert).

Und was Jackson irvine dazu sagt: http://pfa.net.au/news/ive-made-it-clear-where-i-stand-on-qatar-how-jackson-irvine-found-his-voice/

Derweil macht Kyereh Urlaub in Katar, wenn man seinem Instagramstorys Glauben schenken darf… Edit: Kyereh macht in Katar nicht Urlaub, sondern ist dort mit der Ghanaischen Nationalmannschaft im Trainingslager!

Teilen:

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.