Gefahrengebietsdemonstrationsverlierer

Es gab schon schönere und unbeschwertere Tage als St.Pauli-Fan, obwohl man mit der sportlichen Situation derzeit eigentlich ganz zufrieden sein kann.

Ich schaue derzeit eher fassungslos auf den Sonntag und ertappe mich insgeheim bei dem Gedanken, mir, was den Fußball anbelangt, die Decke über den Kopf zu ziehen und bis Montag nicht mehr aufzutauchen, denn “Gewinner” kann es am Sonntag schon lange nicht mehr geben, höchstens noch einen sportlichen.

Die Geschichte ist schnell erzählt, wenn Ihr sie nicht eh schon mitbekommen habt: Die Polizei hat dem FC St.Pauli verboten, Karten an den FC Hansa Rostock zu verkaufen, beide Vereine gingen dagegen vor, unterlagen aber vor Gericht. Hansa-Fans meldeten daraufhin eine Demo in Hamburg an, St.Pauli-Fans werden teilweise am Sonntag freiwillig auf das Spiel verzichten und Familien mit Kindern sei empfohlen, den Dom und generell die Straßen rund ums Stadion am Sonntag Mittag/Nachmittag zu meiden.
Gewinnen wird da niemand mehr. Die Polizei hat, zumindest wenn sie ehrlich zu sich selbst ist, bereits verloren, denn selbst wenn alles friedlich bleibt wird sie am Sonntag Abend mehr Einsatzstunden auf der Uhr haben, als wenn das Spiel normal mit Gästefans stattgefunden hätte.
Sollte die Situation am Sonntag eskalieren, hätte sich ihre Theorie von der einzigen Möglichkeit, das Spiel friedlich über die Bühne zu bringen, ohnehin selbst widerlegt und man dürfte sich schweren Vorwürfen der (aufgeklärten) Öffentlichkeit ausgesetzt sehen.
Selber sehen wird die Polizei dies öffentlich selbstredend ganz anders, daher wird es auch spannend sein zu sehen, wie die Medien den Sonntag aufarbeiten werden. Ein Anfang scheint mit dem Kommentar von (in der Vergangenheit in Fußball-Fan-Themen eher nicht so positiv aufgefallenen) Peter Wenig im Abendblatt gemacht, mal gucken wie es da weitergeht.

Man steht langsam kopfschüttelnd vor den Trümmern dessen, was den Fußball einst ausgemacht hat. Vom positiven Prickeln, das einen vor einem solchen Spiel wie gegen Hansa in den vergangenen Jahren meist erfasst hat (bei allen berechtigten Bedenken um die körperliche Unversehrtheit), ist nichts zu spüren, wen man auch fragt erntet man eher Ratlosigkeit und Resignation in Bezug auf Sonntag. Wohl gemerkt: Drei Spieltage vor Schluß, die Relegation (evtl. sogar gegen den Dino) noch immer in Reichweite und die Gelegenheit am Schopfe, die Kogge sportlich zu versenken… “Ein ganzes Viertel in Gänsehaut, FC St.Pauli – Wir lieben Dich laut!“?  Wir lieben Dich, keine Frage, derzeit aber eher stillschweigend und in einen ungewissen Ausgang blickend, leider nicht sportlich.

Die Repressionen für Fans erreichen ständig neue Höhepunkte, in Teilen können sich Fans natürlich auch von eigenem Verschulden daran nicht ganz freisprechen. Ausfallerscheinungen Einzelner erzeugen dann neue Repressionen, die wiederrum eher gemäßigte Fußballfans ebenfalls auf die Palme bringen und das Feindbild Polizei weiter verstärken und so weiter und so fort, das Paradebeispiel eines Teufelskreises.

Die Polizei hätte die Anmeldung der Demonstration vorhersehen müssen, diese Anmeldung war mein erster Gedanke, lange bevor das Verbot überhaupt öffentlich wurde, sie lag doch ganz klar auf der Hand. Spätenstens nach erfolgter Anmeldung und während des “Erörterungsgesprächs” vor dem Oberverwaltungsgericht hätte man sich mit den Vereinen einigen müssen.

Nun gut, ist nicht passiert, jetzt stehen viele St.Pauli-Fans mit bangem Blick vor dem kommenden Sonntag und hoffen, dass doch irgendwie alles noch gut und ruhig ausgehen möge und die sportliche Dramatik im Auf- und Abstiegskampf dann schnell das Geschehene überdeckt. Allein: Der Glaube fehlt… aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Also doch alles wie immer? Glaube, Liebe, Hoffnung? Wohl kaum.

Was also tun am Sonntag? Wegbleiben? Vor die Süd gehen? Ins Stadion?
Ich weiß es ehrlich gesagt für mich selbst noch nicht und will hier auch keine Empfehlung aussprechen. Junior bleibt zuhause, das ist klar, ich selber werde wahrscheinlich vor dem Spiel vor die Süd gehen und dann je nach Verlauf entscheiden, ob ich irgendwann die Lust verspüre, mir das Spiel anzuschauen, nach Hause zu gehen oder mich vor das Jolly zu begeben.

Getreu dem Motto: Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem, hier eine Sammlung von Texten zum Thema, sucht Euch den für Euch passenden Text raus und bildet Euch möglichst umfassend eine Meinung und entscheidet dann, wie genau Ihr den Sonntag verbringen wollt.

– Der Anfang: Aufruf von USP in der BASCH, Sonntag vor die Süd zu kommen, die Rostocker Demo aber bitte Rostocker Demo sein zu lassen
– Der MagischeFC-Blog mit “Klasse Plan, Polizei Hamburg!“, mit zustimmenden und auch auch differenzierten Gedanken zur Situation an sich und dem USP-Aufruf
– Auch bei Sitz[BLOG]ade (“Sunday, boring Sunday“) Zustimmung zum USP-Aufruf, Gedanken zu einem Derby ohne Gästefans und der Demo im Allgemeinen
– Ähnliche Rat- und Hilflosigkeit wie ich empfindet auch Der Kiesel in “Sunday, Bloody Sunday
– Jeky äußert sich mit “Ich gestehe: Ich verstehe es nicht, dieses St.Pauli” kritisch zur von ihr empfundenen Solidarisierung der St.Pauli-Fans mit der Rostocker Fanszene. (Nicht nur) dort lohnt sich auch der Blick zur Diskussion in die Kommentare zur weiteren Meinungsbildung.
– Pantoffelpunk geht mit “Herr, wirf Hirn vom Himmel” mit ähnlicher Meinung wie Jeky vor, kritisiert zudem namentlich USP für ihren Aufruf.
(Zu beiden Texten sei gesagt, dass ich die Kritik an USP in dieser Sache nicht teile, beide zu einem umfassenden Meinungsbild hier aber sicher rein gehören.)
– Auch bei Hansa gibt es natürlich kritische Sichtweisen auf die eigene Fanszene, die trotzdem den Blick für die Gesamtsituation haben, so hier bei hansafans.de und “Mobilmachung durch Menschenfresserhooligans
– Die Hamburger Polizei hat dann heute die angemeldete Demonstration der Rostocker erlaubt, die geplante Route vom Bahnhof Altona zur Feldstraße aber auf eine Kundgebung am Hauptbahnhof zusammengestrichen. Dagegen haben die Anmelder Einspruch eingelegt, das letzte Wort ist also noch lange nicht gesprochen.
– In der gleichen Mitteilung hat die Polizei dann auch ein “Gefahrengebiet” rund ums Stadion erklärt, welches beim MagischenFC Blog zum Artikel “Absurdistan, Dein Name sei Hamburg” geführt hat, ebenfalls lesenswert um die völlige Idiotie der Polizei vom Verbot bis hin zu den jetzt vollstreckten Massnahmen nochmal aufzuzeigen. Auch beim quotenrock-Blog gibt es detaillierteres dazu zu lesen: “Ihr seid alle Gefahrengebietsbesetzer
– Auch im Österreichischen Zine Ballesterer ist der Sonntag Thema.
– Der Fanclub-Sprecherrat hat sich ebenfalls geäußert und ruft alle zur Vorsicht und Besonnenheit auf.
Stellungnahme des Vereins (bewusst unkommentiert)
– Abschließend der Diskussionsthread im St.Pauli-Forum zur Verfügung der Polizei im Allgemeinen sowie zum Aufruf von USP im Speziellen, sowie das Forum auf der offiziellen Hansa-Seite. // Frodo

P.S. “Wenn Du nicht weißt, ob Du Lachen oder Weinen sollst, ist Lachen immer die richtige Entscheidung!” (sinngemäß, keine Ahnung von wem) Einen Grund zum Lachen in dieser Situation bietet auf jeden Fall Gegengeraden-Gerd mit der “Goliath-Wache”. Ich freue mich übrigends schon sehr auf Tante Kriemhilds Bericht am Montag.

P.P.S. Unser Leser Thore hatte die Idee einer “Gefahrengebiet”-Karte und uns auch einen ersten Entwurf zugesandt, unser Layouter Sten hat dies jetzt mit einer OpenStreetmap-Karte umgesetzt:

Gefahrengebiet St.Pauli

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12 Kommentare zu Gefahrengebietsdemonstrationsverlierer

  1. FraktionAugenZu sagt:

    Danke dafür. Folgender Link ist leider falsch gesetzt: “Peter Wenig im Abendblatt”

  2. Stephan sagt:

    Danke, genau die Stimmungslage wiedergegeben… So fühle auch ich mich ! United We Stand !!!

  3. sparschaeler sagt:

    so weit so schlecht
    “jetzt stehen viele St.Pauli-Fans mit bangem Blick vor dem kommenden Sonntag und hoffen, dass doch irgendwie alles noch gut und ruhig ausgehen möge”

    das sehen sehen die unbeteiligten anwohner wohl ähnlich. das über die keiner ein wort verliert ist eigentlich schade aber am ende wenig überraschend.

    • Frodo sagt:

      Wichtiger Punkt, der in den verlinkten Artikeln ja auch angesprochen wird, Danke.
      Hast Du denn auch eine konkrete Idee zur Lösung für die Zukunft?

      • sparschaeler sagt:

        netter versuch, aber ich halte mich nicht für schlauer als die, die sich hauptberuflich mit dem fussball beschäftigen und selbst von denen kommt wenig bis gar nichts.
        es ist auch nicht zielführend wenn jeder vorschlag sofort von den anderen zerpflückt wird, nur weil man auf seinen maximalforderungen bestehen will. deswegen treiben wir auch nächste woche wieder eine andere sau durchs fussballdorf.

        man sollte ein bundesligawochenende mal ganz ohne polizei statfinden lassen und sehen was passiert. ich bin der festen überzeugung es würde alles ruhig bleiben, wenn der feind nicht auftaucht.

  4. RocknRolf sagt:

    Über die Einschränkungen der Anwohner wird im Moment eher weniger berichtet. Wir sind es zwar mittlerweile gewohnt zum Gefahrengebiet zu gehören, aber 2-3 mal im Jahr die Läden zu verbarrikadieren, Fahrzeuge in vermeintlich sichere Umgebungen bringen, sich Sorgen um Angehörige machen bzw Kindern quasi Hausverbot zu erteilen ist mehr als lästig.
    Und 9 Tage später ist 1. Mai dann geht das gleiche von vorne los…

  5. Hummel sagt:

    Moin,

    es ist für mich nicht nachzuvollziehen, wie sich in einigen köpfen, sportliche Konkurrenz in blinden Hass umwandeln kann. Das betrifft beide Fangruppen. Ich selber bin Rostocker und auch stolz dadrauf, genau so wie ihr Pauli Fans auf eure Stadt stolz seit. Lokalpatriotismus ist nichts verwerfliches. Was diesen Hass schürt ist meiner Meinung nach , das es zwischen beiden Fangruppen massive Vorteile gibt (alle Rostocker sind rechte unterbelichtete und alle paulianer sind Linke Schmarotzer zecken Blaablaablaa bei einigen trifft das zugegebener Maßen sicherlich zu). Wenn man in diesen Tagen einen politischen Kontrahenten sucht, dann doch lieber die Exekutive des Staates nehmen. Wie oft wurden wir und auch ihr wegen Verdachtsituationen präventivschlagen der Polizei ausgesetzt. Wir alle sollten gemeinsam unseren Protest gegen diesen massiven Eingriff in die Kultur zweier der besten fangruppierungen das Landes kund tuen und einmal die Vorurteile die uns den Geist vernebeln beiseite lassen. Ich hoffe es wird laut und bunt aber friedlich! Damit der Sinn der Aktion nicht in der sensationsgeile Berichterstattung der Bild Zeitung verpufft!

    Kogge versenken ? Die Kogge im Herzen ist unsinkbar 😉

    Mal nebenbei… Ich hoffe ihr versaut dem HSV das 50.jährige bestehen in der 1.Liga. Ich lebe in Hamburg und bin wirklich begeistert wie arrogant und wie stark die meinungen dieser fans über den Verein vom Erfolg und Misserfolg abhängen. Abstieg wäre mal eine benötigte Charakterpruefung.

    Auf einen erfolgreichen und aussagekräftigen Sonntag !

  6. Greenaway sagt:

    Am liebsten würde auch ich mir die Decke über den Kopf ziehen und erst zum Tatort aufstehen, um dann gleich wieder pennen zu gehen. Verloren haben jetzt schon alle. Was mich so richtig ankotzt ist das direkte und indirekte thematisieren von Gewalt. Is doch jetzt schon klar, dass es knallen wird. Das ist das neue Spiel, es heißt: Alle gegen alle, sang schon eine bekannte hamburger Popband. Da wird der Bürgerkrieg beschworen, bevor über kreativen Protest gesprochen wird. Genau das wird unzählige Gewalttouristen anziehen. Anwohner in Angst, Hools überall, Bullengewalt, seid auf alles vorbereitet, lasst eure Kinder Zuhause…. what the fuck! Stattdessen würde ich zum bunten Tamtam vor der Süd aufrufen, wo laut, kreativ und aussagekräftig gegen diese Willkür der Polizei Stellung bezogen wird. Und das in einer Atmosphäre, wo ich selbst meine Oma hinterm Gehwagen hin schieben würde. Damit rechnet nämlich niemand. Aber den dicken machen, Muskeln spielen lassen und damit komplett am Tor vorbei schießen, macht dem Anschein nach wohl mehr Spaß.

  7. Jonny Jonas sagt:

    Hi!
    Bin noch nicht allzulange Fan des FCSP und einfach nur fassungslos über das was passiert wenn mein Verein auf den FC-HANSA trifft.
    Ich bin sicherlich ein politischer Mensch und ich liebe Fußball seit meiner Kindheit. Ich bin nicht der Meinung, dass man Politik und Fußball trennen kann und sollte. Die Vorgänge der letzten Wochen bestätigen das nur zu gut.
    Leider glaube ich das es bei der Rivalität eines Teils der Fans beider Lager weder um das Eine noch um das Andere geht. Vielmehr geht es für viele nurnoch um Hass. Gerade dass macht mir Sorge denn wenn Hass sich nur noch aus sich selber nährt ist es unglaublich schwer ihm entgegen zu treten.
    Die Ereignisse und der Rechtsstreit um das Spiel könnten eine historisch Chance sein, aufeinander zuzugehen. Sich zu besinnen und an die eigene Nase zu fassen. Aufzuhören die jeweilige Gegenseite immer wieder mit den gleichen Vorwürfen zu konfrontiern. Sich die Frage zu stellen was man selber oder die eigene Fanszehne zur Eskalation der Situation beigetragen hat.
    Die Polizei zeigt sich mit ihrem Bemühen um den Ausschluss der Rostocker fans vor allem hilflos und arrogant. Aber es reicht nicht auf die böse Polizei zu schimpfen. St.Paulianer und Rostocker müssen sich auch die Frage stellen wie es so weit kommen konnte und wie es geingen kann wieder den Sport und die damit verbunden faire Rivalität in den Mittelpunkt zu stellen um tolle, prickelnde und spannende Derbys zu ereben.
    Ich bin nicht naiv und mir sehrwohl bewusst darüber, dass es einen harten Kern gibt, der sich nie änden wird aber unterm Strich bleibt: Es geht nur miteinander und zwar in kleinen Schritten. Eine Teilnahme an der rostocker Demo währe wohl (noch) ein zu großer aber ein gemeinsames Ziel für Kogge und Piratngalleere kommt doch langsam in Sicht.

    In diesem Sinne!

    Jonny Jonas

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